Neben der mechanischen Spannung (Schoenfeld 2010, Roth and Roth 2023b) und dem metabolischen Stress (Roth and Roth 2023a, Schoenfeld 2013) wird muskuläre Schädigung als weiterer Mechanismus ins Feld geführt (Schoenfeld 2012), wenn es um die dem Muskelaufbau zugrundeliegenden Stimuli geht. Obwohl die Datenlage für muskuläre Schädigung (im Vergleich zu mechanischer Spannung und metabolischem Stress) als Hypertrophiemechanismus mehr als nur dünn ist (kritisch z. B. Damas und Kollegen (2018)), erfährt der propagierte Mechanismus in deutschen Fitnessstudios bis heute hartnäckige Rückendeckung. Das Festhalten der Trainingspraxis an der Rolle von muskulärer Schädigung, welche ihren Niederschlag in niederfrequenten, hochvolumigen Trainingssessions findet („Bro-Splits“), kann u. a. auf die Vorstellung „was kaputt geht, wird stärker aufgebaut“ zurückgeführt werden. Akademisch geht dies wohl auf Publikationen Anfang der 1990er Jahre zurück, wobei muskuläre Schädigung als „primärer Treiber“ von Hypertrophie postuliert wird (Evans and Cannon 1991, Evans 1992) – vermeintliches Wissen, das sich bis heute hält.
Muskuläre Schädigung: Was ist das?
Intensive sportliche Betätigung, insbesondere wenn ungewohnt, kann zu einer Schädigung der Skelettmuskulatur führen (Clarkson and Hubal 2002, Markus et al. 2021). Dieses Phänomen, das gemeinhin als bewegungsinduzierte Muskelschädigung (exercise-induced muscle damage; EIMD) bekannt ist, reicht von der Perturbation weniger Makromoleküle bis hin zu schweren Verletzungen von kontraktilen Elementen, Sarkolemm (Zellmembran) und unterstützendem Bindegewebe (Vierck et al. 2000). Muskuläre Schädigung (Abbildung 1) geht mit lokaler Inflammation (Entzündung), gestörtem Ca2+-Handling, erhöhtem Proteinabbau sowie einem Entweichen intramuskulärer Enzyme (z. B. Kreatinkinase) einher (Markus et al. 2021, Behringer et al. 2014, Wackerhage et al. 2018). Der Schweregrad der Muskelschädigung (und die darauffolgende physiologische Reaktion) hängt von Faktoren wie der Art, der Intensität sowie der Gesamtdauer des Trainings ab (Malm 2001). Ferner wird der Grad der Schädigung in hohem Maße von der Muskelaktion bestimmt, wobei exzentrische Belastungsformen die größte muskuläre Schädigung verursachen (Gibala et al. 1995, Clarkson et al. 1986, Komulainen et al. 2000). Schnell zuckende Muskelfasern (Typ-II) scheinen dabei deutlich anfälliger als langsam zuckende Fasern (Typ-I) zu sein (Vijayan et al. 2001), was u. a. auf eine geringere oxidative Kapazität zurückgeführt wird (Fridén and Lieber 1998, Proske and Morgan 2001). Gleiches trifft wohl auf die Oberkörpermuskulatur zu, die im direkten Vergleich mit der Beinmuskulatur eine größere Prädisposition für Schädigung zu haben scheint (Chen et al. 2011).
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